Heft 1-2000, 24. Jahrgang

Erzählungen vom Anfang, Schöpfungsmythen

(vergriffen)

Herausgegeben von:  Werner Wintersteiner

Die moderne Mythenforschung ist schon seit längerem der Auffassung, dass viele historische und sogar naturwissenschaftliche “Erkenntnisse” auf Mythologien beruhen. Unsere Haltung kann nicht mehr die sein, mit der Überlegenheit der Aufklärung das “Außerhalb der Vernunft” zu verachten, sondern wir müssen uns der realen Rolle der Mythen im Alltag und in der Gesellschaft bewusst werden, schon allein, um ihren Missbrauch hintanzuhalten. Anders gesagt: Mythologisierungen sind solange harmlos, solange sie uns als solche bewusst bleiben. Und ähnlich wie Kunstwerke nichts von ihrer Faszination verlieren, obwohl wir wissen, dass sie künstlich, also gemacht sind und keine Realität darstellen.

Trotzdem ist die Beschäftigung mit Mythen kein übliches Thema im Deutschunterricht. Gegenläufig zum Zeitstrom, so hat es den Anschein, sind mythologische Themen – sowohl der griechischen und römischen Antike als des germanischen Nordens – immer mehr aus dem Literaturunterricht verschwunden. Sie haben einer Konzentration auf die Gegenwartsliteratur Platz gemacht, die – so das neue Dogma – die einzig relevante und die SchülerInnen interessierende Literatur sei. Dabei entstand das paradoxe Phänomen, dass moderne und sehr vielgelesene AutorInnen die alten Mythen nacherzählen – man denke nur Christa Wolfs “Kassandra” oder “Medea” und, in ganz anderer Weise, aber mit vergleichbarem Publikumserfolg, Michael Köhlmeier. Diese Erzählungen werden gerne gelesen und gehört, doch kennen viele Jugendliche die “Originale” (bei einem Mythos eine fragwürdige Bezeichnung), also die klassischen Visionen der Mythen, nicht mehr. Trotzdem bleibt die Faszination der großen Erzählungen aufrecht, wohl auch, weil sie die “großen” Fragen ansprechen.

Dieses Heft handelt von den Erzählungen vom Anfang, stellt aber selbst nicht den Anfang der Erzählung dar. Wir verweisen besonders auf das ide-Heft 1/96, “Mythen und Medien” als dessen Fortsetzung und Vertiefung dieses Heft zu sehen ist.

Downloads

  • Editorial

  • Inhaltsverzeichnis